Beifuß: Die „Mutter der Kräuter“ zwischen Heilpflanze und Mythos

Beifuß (Artemisia vulgaris) im Knospenstadium, Triebspitze mit weißfilzigen Blütenknospen

Du kennst ihn vermutlich vom Wegesrand oder von der Weihnachtsgans. Beifuß ist ein unscheinbares, hochgewachsenes Kraut mit silbrig schimmernden Blättern und einem würzig-herben Duft, und zählt zu den ältesten Kultur- und Ritualpflanzen Europas. Schon im Mittelalter nannte man ihn mater herbarum, „Mutter der Kräuter“. Hier stelle ich dir die Pflanze botanisch vor und erzähle dir ausführlich von ihrer Geschichte, von der Göttin Artemis über den Sonnwendgürtel bis zum Räucherbündel.

Botanischer Name Artemisia vulgaris
Pflanzenfamilie Korbblütler (Asteraceae)
Volksnamen Gänsekraut, Wilder Wermut, Jungfernkraut, Weiberkraut, Schoßwurz, Sonnwendkraut, Johannisgürtelkraut, Besenkraut, Fliegenkraut, Donnerkraut, Werzwisch; englisch Mugwort
Verwendeter Teil Kraut (obere, unverholzte Triebspitzen); in der Volksheilkunde auch die Wurzel
Standort Wegränder, Brachflächen, Schuttplätze, Ufer; bevorzugt nährstoffreiche, stickstoffhaltige Böden
Optimaler Erntezeitpunkt Junge Blätter und obere Triebspitzen ab April/Mai; Blütenrispen im Knospenstadium ab Juni (besonders mild-aromatisch); später im Jahr nimmt der Bitteranteil zu
Inhaltsstoffe Ätherisches Öl (u. a. 1,8-Cineol, Kampfer, Thujon, Linalool, Borneol), Bitterstoffe, Flavonoide, Phenolcarbonsäuren (u. a. Kaffeesäure, Chlorogensäure), Hydroxycumarine, Polyine, Triterpene, Carotinoide

Botanik und Vorkommen

Der Gemeine Beifuß ist eine ausdauernde, krautige Pflanze, die je nach Standort zwischen 70 und 180 Zentimetern hoch wird, mancherorts sogar noch höher. Sein Stängel ist aufrecht und oft rötlich bis rotbraun überlaufen, die unteren Blätter sind gefiedert und auf der Oberseite dunkelgrün. Auf der Unterseite sind sie dicht weißfilzig behaart, was ihm bei Wind sein silbriges Flimmern gibt. Das sicherste Bestimmungsmerkmal bleibt der Duft. Zerreibst du ein Blatt zwischen den Fingern, riecht es stark würzig. Die winzigen, unscheinbaren Blütenkörbchen in gelblichen, grauweißen oder rotbraunen Tönen sitzen in ausladenden Rispen.

Beifuß gedeiht fast überall auf der Nordhalbkugel und ist ein typischer Begleiter des Menschen. Er liebt nährstoffreiche Böden, weshalb er an Wegrändern, auf Brachen und Schuttplätzen oft in großen Beständen steht, und gilt deshalb als Anzeiger für stickstoffreiche Standorte. Vermutlich hat er sich zusammen mit dem Ackerbau der Jungsteinzeit verbreitet. Beim Sammeln gilt wie immer, verwende nur Pflanzen, die du zu 100 % bestimmen kannst. Optisch ähnlich ist zum Beispiel das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia).

Beifuß mit dunkelroten Stängeln, gefiederten Blättern und Blütenknospen an
einem Zaun
Blühender Beifuß mit rötlichen Stängeln und silbrig-weißen Blattunterseiten

Inhaltsstoffe und Heilwirkung

Das Herzstück des Beifußes sind seine Bitterstoffe und das ätherische Öl. Die Bitterstoffe regen die Bildung von Magensaft und Gallenflüssigkeit an und machen so fettreiche, schwere Speisen bekömmlicher. Das erklärt, warum er seit Jahrhunderten zum Gänsebraten gehört und in Kräuterlikören und Magenbitter zu finden ist. Traditionell nutzte man das Kraut außerdem bei Appetitlosigkeit und Magen-Darm-Beschwerden. Im Laborversuch zeigten wässriger Extrakt und ätherisches Öl zudem eine antimikrobielle Wirkung.

Eine besondere Rolle spielte der Beifuß in der Frauenheilkunde, worauf Namen wie Weiberkraut, Schoßwurz und Jungfernkraut hindeuten. Er sollte die Menstruation fördern und ihre Schmerzen lindern; dafür begann man schon einige Tage vor der erwarteten Regel mit Tee und Sitzbädern. Außerdem sollte er die Geburt beschleunigen und beim Ausleiten des Mutterkuchens helfen. Um die Gebärende vor Erschöpfung zu schützen, legte man ihr Beifuß um das Becken oder die Schenkel. Auch als Abtreibungsmittel war er bekannt, wobei die Dosis offenbar sehr hoch sein musste. In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird Beifuß zudem in der Moxa-Therapie verwendet.

Beifuß in Küche und als Räucherwerk

Als Gewürz gehört Beifuß traditionell an fette Speisen wie den Gänsebraten und darf dort lange mitkochen, damit sich seine Würze entfaltet. Er findet sich auch in Brot und herzhaften Füllungen.

Ab April/Mai kannst du die jungen Blätter und Knospen der oberen Triebspitzen ernten und frischen Salaten oder Gemüse beigeben. Besonders mild-aromatisch sind die Blütenrispen im Knospenstadium ab Juni, frisch oder getrocknet. Später im Jahr nehmen die Bitteranteile zu; daraus lässt sich ein Verdauungstee zubereiten, den du wegen des sehr bitteren Geschmacks mit milderen Kräutern verfeinern solltest.

Beim Räuchern gilt Beifuß als „Mutter aller Räucherpflanzen“, ihm werden Schutz und Reinigung zugeschrieben. Wie du ihn zusammen mit anderen Hölzern und Kräutern verräucherst, findest du in meinem Räucherartikel zu Samhain.

Beifußtriebe mit Blütenknospen vor Himmel und Bäumen im Sommerlicht

Mythologie und Brauchtum

Um den Beifuß ranken sich viele Geschichten, und in der Mythologie spielt er eine wichtige Rolle. Einige davon erzähle ich dir hier.

Artemis und die Frauenkräuter: Die Gattung Artemisia ist nach der griechischen Göttin Artemis benannt, die Frauen durch Schwangerschaft und Geburt schützte. Es heißt, sie habe das Kraut gefunden und dem Zentauren Chiron gegeben, der es ihr zu Ehren benannte. Der griechische Arzt Dioskurides setzte Beifuß in der Geburtshilfe ein. Auch Isis und später die Jungfrau Maria wurden mit der Pflanze verbunden. Der Ruf als Frauenkraut gründet auf der traditionellen Verwendung bei Menstruation und Geburt; heute wird wegen einer möglichen abortiven Wirkung ausdrücklich davor gewarnt. Im Mittelalter wurden gerade solche Kräuter, die auf Menstruation, Schwangerschaft und Geburt wirken, nicht selten zu „Hexenkräutern“ erklärt.

Schutzpflanze für Haus, Stall und Weg: Schon in der Antike galt Beifuß als magisch kraftvoll und antidämonisch. Im antiken Griechenland mischte man ihn Liebes- und Freundschaftstränken bei, und wer ihn häufig genoss, dem sagte man nach, dass er die Gabe der Hellsichtigkeit geschenkt bekomme. Vor allem aber war der Beifuß ein Hüter von Haus und Hof. Hing ein Bündel im Türrahmen des Hauseingangs, sollte es die Bewohner vor der Pest und dem bösen Blick bewahren, durch Magie verursachte Krankheiten heilen und Dämonen, Hexen und Teufel fernhalten. Im Stall schützte ein Beifußbusch das Vieh vor Behexung. Auch unterwegs war er ein guter Begleiter, denn wer seine Wurzel am Körper trug, blieb der Überlieferung nach von Ermüdung, bösen Geistern, Gift und Sonnenstich verschont und behielt seine Kraft. Selbst gegen Unwetter und Gewitter sollte der Beifuß helfen. So war er über Jahrhunderte ein treuer Hausgenosse, dem die Menschen Schutz, Kraft und Segen anvertrauten. Dass er bis heute seinen Platz im Kräuterbuschen hat, ist ein leiser Nachhall dieses Vertrauens.

Ein Name mit Geschichte: Das althochdeutsche Wort für Beifuß leitet sich von „stoßen, schlagen“ ab. Die Umdeutung zum „Fuß“ folgte dem Glauben, dass die Pflanze beim Laufen Ausdauer verleihe. Schon römische Wanderer sollen Beifuß in ihre Sandalen gelegt haben, um müde Füße zu vermeiden. Manche legen ein Blatt auf den nackten Fuß in den Schuh, andere gönnen müden Füßen ein Beifuß-Fußbad.

Sonnwendgürtel und Johannisnacht: Zur Sommersonnenwende, wenn die Tage am längsten sind und die Sonne ihre größte Kraft hat, gehörte der Beifuß fest zum Brauchtum. Man flocht ihn zu Kränzen und zum „Sonnwendgürtel“, den man um Bauch und Hüfte band, und trug ihn beim Sprung über das Sonnwendfeuer.

Im Mittelalter hieß es, Johannes der Täufer habe in der Wüste einen Gürtel aus dieser Pflanze getragen. So wurde der Beifuß zum Begleiter und Beschützer, der Reisende vor bösen Geistern, Sonnenstich, Ermüdung und wilden Tieren bewahren sollte. Seine Namen Sonnwendkraut und Johannisgürtelkraut erzählen noch heute davon.

Kräuterbuschen und Raunächte: In den Raunächten wird der Beifuß im Freien als faustgroße Kugel verräuchert, und sein Rauch soll segnen und schützen. Mancherorts nennt man ihn deshalb „Hüterin der Schwelle“. Dazu passt sein unverkennbar intensives Aroma, das von jeher mit Schutz und Reinigung verbunden wurde. Mit anderen Heilkräutern zu einem Buschen gebunden, begleitet der Beifuß die Menschen bis heute durchs Jahr.

Beifußtriebe im Sommerlicht

Bitte beachte

Kontraindikationen:

Schwangerschaft und Stillzeit: In der Schwangerschaft sollte Beifuß nicht angewendet werden, da er eine wehenfördernde Wirkung hat und zu Frühgeburten führen kann. Auch in der Stillzeit sollte er nicht eingenommen werden.

Allergien: Wer gegen Korbblütler allergisch ist, sollte Beifuß meiden. Bei Beifußallergie sind Kreuzreaktionen mit Sellerie, Karotte und Gewürzen möglich (Sellerie-Karotten-Beifuß-Gewürz-Syndrom). Sehr selten kommt es zu einer Sensibilisierung nach Hautkontakt.

Bei Fieber, Asthma sowie Leber- und Nierenerkrankungen sollte Beifuß gemieden werden.

Nicht bei Kindern anwenden.

Wechselwirkungen:

Es sind keine Wechselwirkungen bekannt. Wenn du Medikamente einnimmst, kläre eine Anwendung vorab ärztlich ab.

Beifuß in Blüte. Sein Pollen ist ein bekannter Auslöser des Spätsommer-Heuschnupfens

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