Der Frauendreißiger (auch „Dreißiger“ oder „Marientage“) bezeichnet eine 30-tägige Gnadenzeit, die traditionell am 15. August mit dem Hochfest Mariä Himmelfahrt (dem „Großen Frauentag“) beginnt. Da die Zeitspanne zwischen dem 15. August und Mariä Geburt am 8. September (dem „Kleinen Frauentag“) weniger als 30 Tage beträgt, wird die Periode oft bis Mitte September verlängert, um die namensgebende Dauer zu erreichen. Je nach regionaler Auslegung endet dieser Zeitraum daher am 12. September (Mariä Namen), am 14. oder am 15. September (Gedächtnis der Schmerzen Mariens). Diese Zeit gilt im Volksglauben als besonders kraftvoll für die Natur, vor allem für das Sammeln und Verarbeiten von Heilkräutern.
Wie ich bereits im Artikel zu Lammas angeschnitten habe, schließt der Frauendreißiger unmittelbar an das erste Erntefest im August an. Hier gehe ich näher auf seine Herkunft, den Kräuterbuschen und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Selberbinden ein.
Ursprung: Von der Göttin Freya zur Marienverehrung
Obwohl der Brauch heute fest im katholischen Kirchenjahr verankert ist, liegen seine Wurzeln in vorchristlichen, germanischen und keltischen Traditionen. Ursprünglich handelte es sich vermutlich um eine germanische Festzeit mit Toten- und Fruchtbarkeitsopfern, die eng mit den Erntefesten Lughnasadh und Lammas verbunden war. In der nordisch-germanischen Mythologie war dieser Zeitraum der Göttin Freya gewidmet, der Beschützerin der Frauen sowie der Göttin der Liebe und der Heilkräuter.
Die katholische Kirche versuchte zunächst, das Binden der populären Kräuterbuschen zu verbieten; als dies scheiterte, gab sie der Tradition einen christlichen Rahmen. Mit der Wandlung der Verehrung von Freya hin zur Marienverehrung wurden die „Freyakräuter“ schließlich zu den „Marienkräutern“ umgedeutet. Der Legende nach fanden die Apostel drei Tage nach Marias Tod ihr leeres Grab vor, aus dem ihnen der Duft von Rosen, Lilien und Heilkräutern entgegenströmte.
Insbesondere im bayerisch-tirolerischen Alpenraum ist der Frauendreißiger bis heute eine Zeit ausgeprägter Marienverehrung, mit zahlreichen Abendandachten und Wallfahrten zu Ehren Mariens.
Der Kräuterbuschen: Marienkräuter mit Zahlenmystik
Ein zentrales Element dieser Zeit ist das Binden von Kräuterbuschen aus einer „magischen“ Anzahl verschiedener Kräuter. Die Zahl schwankt je nach Region, folgt aber immer einer symbolträchtigen Bedeutung:
- 7 für die Schöpfungs- bzw. Wochentage
- 9 (3×3) als Symbol für die Dreifaltigkeit und für Fruchtbarkeit
- 12 für die zwölf Apostel oder die Stämme Israels
- 14 für die vierzehn Nothelfer
- 24 (2×12) für Altes und Neues Testament
- bis zu 77 oder 99 (33×3) als Zeichen der Vollendung
Zu den klassischen Pflanzen zählen Johanniskraut, Schafgarbe, Kamille, Beifuß, Salbei, Lavendel, Wermut, Pfefferminze und Thymian, ergänzt durch Alant, Arnika, Baldrian, Frauenmantel, Liebstöckel, Dost, Eisenkraut, Labkraut, Spitzwegerich und Ringelblume. Dazu kommen oft Getreideähren als Zeichen der Dankbarkeit für die Ernte sowie Rosen und Lilien als klassische Marienblumen.

Die Königskerze als Herzstück
Das unbestrittene Zentrum jedes Buschens bildet die Königskerze (auch Wetterkerze oder Himmelbrand genannt). Aufgrund ihrer Größe bildet sie das „Rückgrat“ des Straußes und wird in der Mitte gebunden, um alle anderen Kräuter zu überragen. Symbolisch steht sie für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Als „Wetterkraut“ wird ihr zudem die Kraft zugeschrieben, das Haus vor Blitzschlag und Unwetter zu bewahren – bei drohender Gefahr warf man früher Teile der geweihten Pflanze ins Feuer.
Kräuterbuschen binden – Schritt-für-Schritt

- Kräuter sammeln: Idealerweise am Vortag von Mariä Himmelfahrt, also am 14. August, bei trockenem Wetter.
- Königskerze als Mitte wählen. Sie gibt dem Buschen Halt.
- Die Kräuter um die Königskerze herum legen.
- Mit einer Schnur fest umwickeln. Am Ende eine Schlaufe knoten.
- Kopfüber an einem luftigen, schattigen Ort trocknen lassen. Sitzt die Schnur danach locker, noch einmal fest anziehen.

Die Kräuterweihe und was danach mit dem Buschen passiert
Wer den Buschen weihen lassen möchte, kann ihn am 15. August zur Kräutersegnung in die Kirche bringen. Unabhängig davon, ob geweiht oder nicht, wird er anschließend kopfüber an einem Ehrenplatz im Haus (etwa dem Herrgottswinkel), im Stall oder auf dem Dachboden aufbewahrt. Er dient das Jahr über als Hausapotheke für Tees und als Zusatz zum Viehfutter oder wird in den Raunächten zum rituellen Ausräuchern von Haus und Hof verwendet. Nicht aufgebrauchte Reste werden im Folgejahr dankend dem Feuer übergeben.

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Erika
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