Die Brennnessel: Unterschätzte Kraft am Wegesrand

Blühende Brennnessel (Urtica dioica) mit grünen Blütenrispen und gezackten Blättern

Kaum eine Pflanze wird so oft übersehen, oder gemieden, wie die Brennnessel. Wer als Kind einmal barfuß durch ein Nesselfeld gelaufen ist, verbindet mit ihr vor allem das charakteristische Brennen auf der Haut. Dabei zählt die Brennnessel zu den vielseitigsten und am besten erforschten Heilpflanzen überhaupt und wurde in Deutschland bereits mehrfach zur Heilpflanze des Jahres gekürt. In der Anwendung begegnen dir meist zwei nah verwandte Arten; die Große Brennnessel und die Kleine Brennnessel. Beide werden traditionell gleichwertig genutzt, weshalb wir sie hier gemeinsam vorstellen.

Botanischer Name Urtica dioica (Große Brennnessel), Urtica urens (Kleine Brennnessel)
Pflanzenfamilie Brennnesselgewächse (Urticaceae)
Volksnamen Donnernessel, Haarnessel, Feuernessel, Hanfnessel
Verwendeter Teil Blätter/Kraut, Wurzel, Samen
Standort nährstoffreiche, stickstoffreiche Böden, Wegränder, Schuttplätze, Gehölzsäume (Große Brennnessel); offene Äcker und Gartenland (Kleine Brennnessel)
Optimaler Erntezeitpunkt junge Blätter im zeitigen Frühjahr, Blütezeit Juli bis Oktober, Wurzel im Herbst
Inhaltsstoffe Kaffeesäureester, Flavonoide, ungesättigte Fettsäuren, Gerbstoffe, Kieselsäure, Mineralsalze (Blattdroge); Lektine (UDA), Polysaccharide, Phytosterole, Cumarine, Lignane (Wurzeldroge)

Botanik und Vorkommen

Auf den ersten Blick sehen sich die Große und die Kleine Brennnessel sehr ähnlich. Beide tragen die feinen Brennhaare, an denen man sich beim Berühren die charakteristischen Quaddeln holt. Bei genauerem Hinsehen unterscheiden sie sich aber deutlich. Die Große Brennnessel ist eine ausdauernde, mehrjährige Staude, die über zwei Meter hoch werden kann und eher grau-grüne Blätter trägt. Die Kleine Brennnessel dagegen ist einjährig, bleibt mit 10 bis 60 Zentimetern deutlich kleiner, wächst in sattem Grün und hat rundlichere, weniger spitz zulaufende Blätter. Auch bei den Blüten gibt es einen Unterschied. Die Große Brennnessel ist zweihäusig, das heißt, männliche und weibliche Blüten sitzen auf getrennten Pflanzen, während bei der Kleinen Brennnessel beide Blütentypen an derselben Pflanze zu finden sind.

Volksheilkundlich werden die beiden Arten gleichwertig angewendet. Für die Anwendung als Heilpflanze macht es also keinen Unterschied, welche der beiden du vor dir hast. Die Große Brennnessel findest du bevorzugt auf nährstoffreichen, stickstoffliebenden Standorten wie Wegrändern, Schuttplätzen oder an Zäunen, während die Kleine Brennnessel eher auf offenen Äckern und in Gärten wächst.

Brennnessel-Blütenrispen im Gegenlicht zwischen den Blättern

Inhaltsstoffe und Heilwirkung

Traditionell werden alle Teile der Brennnessel verwendet. Blätter beziehungsweise das blühende Kraut, die Wurzel und Samen. Jeder Pflanzenteil bringt ein eigenes Wirkstoffprofil mit. Die Blätter enthalten unter anderem Kaffeesäureester, Flavonoide, Gerbstoffe, Kieselsäure und reichlich Mineralsalze. Ihnen wird vor allem eine harntreibende (aquaretische) Wirkung nachgesagt, weshalb sie klassisch bei Harnwegsinfekten und zur unterstützenden „Durchspülungstherapie“ der ableitenden Harnwege angewendet werden.

Außerdem wird die Brennnessel begleitend bei rheumatischen Beschwerden, Gelenkschmerzen und Heuschnupfen eingesetzt. Mittlerweile bestätigen auch Laboruntersuchungen ihre entzündungshemmenden Eigenschaften, die der traditionellen Anwendung bei Rheuma und Gelenkschmerzen zugrunde liegen. Auch eine antiallergische Wirkung ist inzwischen beschrieben. Die Pflanze hemmt die Freisetzung von Histamin und kann so Heuschnupfen-Symptome lindern.

Die Wurzeldroge unterscheidet sich davon deutlich. Hier stehen vor allem spezielle Lektine (die sogenanntenUDA, Urtica-dioica-Agglutinine), Phytosterole, Polysaccharide, Cumarine und Lignane im Vordergrund. Der Brennnesselwurzel wird nachgesagt, einer gutartigen Prostatavergrößerung (benignen Prostatahyperplasie) entgegenzuwirken, weshalb sie fester Bestandteil vieler Prostata-Präparate ist.

Nahaufnahme der Blütenrispen und Samenstände der Brennnessel

Anwendung

Die Brennnessel zählt zu den klassischen Pflanzen für die Frühjahrskur. Brennnesseltee aus frischen oder getrockneten Blättern unterstützt dank seiner harntreibenden Wirkung das Durchspülen der Nieren und der ableitenden Harnwege und hilft so, den Stoffwechsel nach dem Winter wieder in Schwung zu bringen. Für eine klassische Kur trinkst du zwei Wochen lang dreimal täglich eine Tasse Brennnesseltee. Zusätzlich solltest du über den Tag verteilt 2 bis 3 Liter Wasser trinken, denn nur mit ausreichend Flüssigkeit kann die Durchspülung überhaupt funktionieren.

Auch die jungen Blätter eignen sich hervorragend für eine Frühjahrskur. Frisch geerntet lassen sie sich wie Spinat verarbeiten, zu Suppen oder Pesto verkochen oder zu grünen Smoothies verarbeiten. Sobald die Blätter erhitzt, getrocknet oder fein zerkleinert werden, verlieren die Brennhaare ihre reizende Wirkung. Die Wurzel wird meist als Fertigpräparat in Kapsel- oder Tropfenform eingenommen, da eine Zubereitung als Tee weniger gebräuchlich ist.

Auch für Haare und Kopfhaut ist die Brennnessel ein bewährtes Hausmittel. Sie regt die Durchblutung der Kopfhaut an und stärkt die Haarwurzeln. Für volleres, kräftiges und glänzendes Haar sowie bei Haarausfall wird gerne eine Spülung aus einem starken Tee verwendet, der für mindestens 20 Minuten gezogen ist.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Kontraindikationen: Bei Ödemen infolge einer eingeschränkten Herz- oder Nierenfunktion darf keine harntreibende „Durchspülungstherapie“ mit Brennnessel erfolgen, da dies das Herz-Kreislauf-System beziehungsweise die Nieren zusätzlich belasten kann. Hier gehört die Behandlung in ärztliche Hände. In Schwangerschaft und Stillzeit sollte die Anwendung vorsichtshalber vorher ärztlich abgeklärt werden.

Wechselwirkungen: Es sind keine relevanten Wechselwirkungen von Brennnesseln mit anderen Arzneimitteln bekannt. Bei gleichzeitiger Einnahme von entwässernden Medikamenten oder Blutverdünnern empfiehlt sich dennoch vorab eine ärztliche Rücksprache.

Geschichte und Mythologie

Die Brennnessel ist eine der ältesten bekannten Heilpflanzen. Schon Plinius, Hippokrates und später Hildegard von Bingen beschrieben ihre Verwendung. Der botanische Gattungsname Urtica leitet sich vom lateinischen „urere“ ab, was „brennen“ bedeutet. In der germanischen Mythologie wurde die Brennnessel dem Gewittergott Donar zugeordnet, was ihr den Volksnamen „Donnernessel“ einbrachte. Man warf Brennnesselzweige bei aufziehenden Gewittern ins Herdfeuer, um das Haus vor Blitzeinschlag zu schützen.

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