Vielleicht kennst du Frau Holle vor allem als die freundliche alte Dame aus dem Märchen, die ihre Betten ausschüttelt, damit es auf der Erde schneit. Doch hinter dieser Erzählung verbirgt sich ein viel tieferes Geheimnis, das tief in unsere eigene Geschichte und die Heilkraft unserer Natur zurückreicht.
Für unsere Vorfahren war Frau Holle weit mehr als eine Märchenfigur. Sie war die „Huldvolle“, die große Erdmutter und Schützerin des Lebens. Sie verkörperte das Land, auf dem wir gehen, und die Rhythmen der Natur, die uns nähren. Alles Werden, Wachsen und Vergehen wurde als ihr Wirken verstanden.
In einer Zeit, in der wir uns oft von der Natur entfremdet fühlen, laden ich dich ein, die alten Pfade neu zu entdecken. Tauche ein in die Welt der Weißen Göttin und finde in den Rhythmen der Erde ein Stück Heimat für deine Seele.
Frau Holle als Erdmutter und ihre magischen Pflanzen
Für unsere Ahnen war das Land selbst der Leib der Göttin. Holle ist die Personifizierung der Erde. Wenn du den Regen spürst, leert sie ihr Waschwasser aus; wenn Nebel aufzieht, bereitet sie ihr Essen; wenn sie sich kämmt, scheint die Sonne golden aus ihrem Haar; und wenn es schneit, schüttelt sie ihr Federbett. Als Spenderin von „Hülle und Fülle“ schenkt sie uns sowohl Nahrung als auch Kleidung. Ihr Name leitet sich vom altgermanischen Wort für Hülle (hulla) ab, was auf ihr verhülltes Wirken im Inneren der Erde und den schützenden Schleier des Lebens hinweist.
Besonders der Holunder (Holler) ist untrennbar mit ihr verbunden und gilt als das magische Tor zu ihrem Reich. Er gilt als der Sippen- und Lebensbaum, in dem der gute Hausgeist der Göttin wohnt. Er wurde seit jeher an Schwellen gepflanzt. Vor Türen, neben Ställen oder bei Quellen, um Schutz und Segen zu spenden.
Unsere Vorfahren hatten eine so tiefe Ehrfurcht vor diesem Baumwesen, dass man vor ihm den Hut zog oder einen Knicks machte. Man fällte ihn nie ohne Not, und wenn es doch geschehen musste, bat man die „Holler-Mutter“ rituell um Vergebung: „Frau Holle, Frau Holle, gib mir von deinem Holz, ich will dir auch kein Leid tun“.
Der Holunder galt als „Apotheke der Armen“. Seine weißen Blüten, die im Märchen als fallender Schnee gedeutet werden, wirken schweißtreibend und fiebersenkend, während die tiefvioletten Beeren als Vitamin-C-Kraftpakete dein Immunsystem stärken. Doch der Holler steht für mehr. Er ist ein Tor zur Anderswelt. Wenn du dich unter seine Zweige setzt und friedlich atmest, kann dich die Wurzelkraft sanft in einen traumhaften Trancezustand ziehen, in dem der Kontakt zu Naturwesen und Ahnen möglich wird.
Neben dem Holunder schenkt uns Holle viele weitere Pflanzen, die uns auf körperlicher und seelischer Ebene unterstützen.
Der Beifuß, die „Mutter aller Pflanzen“ (Herbarium Mater). Bei den Germanen hieß er „Mugwurz“ (Machtwurz). Er ist das klassische Schamanenkraut, das beim Loslassen und bei Übergängen hilft. Zur Sonnenwende banden sich die Menschen Gürtel aus Beifuß um die Hüften, sprangen damit über das Feuer, um ihre Fruchtbarkeit zu stärken, und verbrannten das Kraut anschließend, damit die Flammen alles Unheil des kommenden Jahres verschlingen. Als „Schoßkraut“ schützt er zudem Frauen besonders in der Zeit der Geburt und des Neubeginns. Wanderern gibt der Beifuß Kraft. In die Schuhe gelegt oder an die Waden gebunden, bewahrt sein Saft vor Müdigkeit und Blasen auf langen Wegen.
Wenn der Frühling erwacht, schickt Holle die Schlüsselblume voraus. Sie verkörpert die erstarkte Sonnenkraft und gilt als der magische Schlüssel, mit dem die Göttin ihre Berge und Höhlen aufschließt, damit das neue Leben an die Oberfläche dringen kann.
In den schützenden Hecken um Haus und Dorf findest du den Weißdorn (Hagedorn) und die Hagebutte. Der Weißdorn, der Sitz der Feen und Elfen, bildet einen undurchdringlichen Schutzraum gegen Dämonen. Er beruhigt als „Schlafbäumchen“ das Herz und symbolisiert den heiligen Moment der Wandlung. Die feuerrote Hagebutte wiederum ist ein Zeichen für die weiterlebende Seele und schenkt uns gerade im kalten Winter die nötige Kraft, um gesund zu bleiben.
Auch die Hasel ist ein tief magisches Gewächs in Holles Gefolge. Sie ist die Pflanze der Transformation und liefert das Holz für den Zauberstab, mit dem man durch die Zeit dringen und mit dem Geisterreich Kontakt aufnehmen kann. Unter der Hasel soll der geheimnisvolle „Haselwurm“ wohnen, der den Menschen die Sprache der Tiere lehrt.
Zur Reinigung der Atmosphäre und zum Schutz vor „Viehleid“ dient schließlich der Wacholder. Als „Rauchholter“ vertreibt sein desinfizierender Rauch krankmachende Dämonen, während er als „Kranewitt“ (Kranichholz) die Seelen der Verstorbenen sicher in Holles Reich geleitet.
Die Gesichter der Göttin
Die Kelten und Germanen feierten den ewigen Kreislauf von Werden, Wachsen, Welken und Wiederkehren in acht großen Jahreskreisfesten. In jeder Phase nimmt Holle eine neue Gestalt an.
Imbolc (Lichtmess, 1./2. Februar): Die Göttin erscheint als das weiße Mädchen, oft identifiziert mit der keltischen Brigid oder der weißen Bethe Wilbeth. Sie ist das reine Potenzial, schließt den Himmel auf, bringt das Licht zurück und spinnt den neuen Lebensfaden.
Ostara (Frühlings-Tagundnachtgleiche): Als grüne Fruchtbarkeitsgöttin nimmt sie ein Bad in ihren heiligen Gewässern. Frauen, die sich Kinder wünschen, badeten früher in ihren Teichen und Brunnen, um ihren Segen zu empfangen.
Beltane (Walpurgis, 1. Mai): Als liebende Hulda oder Freya feiert sie die Heilige Hochzeit mit dem hellen Himmel, um die Fruchtbarkeit des Landes zu garantieren. Ihr rituelles Haarkämmen symbolisiert das Wogen der Getreidefelder im Wind.
Litha (Sommersonnenwende): In dieser Zeit blüht der Holler. In Unterfranken wurde sie als die „Große Diana“ verehrt. Ihr Titel als „Himmelskönigin“ wurde ab dem 6. Jahrhundert systematisch auf die Jungfrau Maria übertragen.
Lammas (Schnitterfest, 1. August): Als nährende Erdmutter Ambeth (die rote Bethe) ist sie die Kulturbringerin. Sie lehrte uns die Künste des Ackerbaus, des Webens und des Backens.
Mabon (Herbst-Tagundnachtgleiche): Sie wandelt sich zur herbstlichen Erdgöttin Nerthus oder Hertha. In dieser Zeit beginnt die Vorbereitung auf die dunkle Zeit und der schützende Seelenzug der Wilden Jagd nimmt seinen Anfang.
Samhain (Ahnenfest, 1. November): Die weise Greisin Borbeth oder Hel (die schwarze Bethe) tritt hervor. Sie ist die Todesbotin, aber keine grausame Vernichterin, sondern die gütige Schützerin der Seelen in der Dunkelheit.
Yule (Wintersonnenwende): In der heiligen „Mutternacht“ erreicht der Zyklus seinen Höhepunkt. Holle gebiert aus ihrem Schoß das Sonnenkind Balder (das Licht) neu, womit ein neuer Jahreskreis beginnt.
Die Wilde Jagd und die goldene Wiege
In den stürmischen Herbst- und Winternächten zieht Holle als Anführerin der Wilden Jagd über das Land. Was die Kirche später als gruseligen Geisterspuk darstellte, war ursprünglich ein segensreicher Seelenzug. Die Göttin holt die Seelen der Verstorbenen heim in ihre heiligen Berge (wie den Hohen Meißner oder Hörselberg), um sie dort bis zur Wiedergeburt zu hüten.
In der Tiefe dieser Berge liegt die goldene Wiege vergraben. Das Bild der Göttin, die diese Wiege wiegt, symbolisiert den ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Hier betreut sie auch die Heimchen, die Seelen der ungeborenen Kinder, die in den Brunnen und Seen der Heimat auf ihre Geburt warten.
Der Treue Eckart: Wächter an der Schwelle
In ihrem Gefolge begegnest du dem Treuen Eckart. Der Name leitet sich von „Ecke-Wart“ ab, was denjenigen bezeichnet, der die Grenze („Ecke“) hütet oder wartet. Er wird als eine sehr alte Herosgestalt beschrieben, die als Wächter und Schützer des Reiches der Göttin fungierte. In dieser ursprünglichen, matriarchalen Schicht war er der Göttin in jeder Hinsicht getreu, weshalb er den Beinamen „der Getreue“ trägt.
In den Sagen der Rauhnächte (den „Zwölfen“) nimmt er eine spezifische Aufgabe wahr. Er eilt dem Zug der Frau Holle (der „Wilden Jagd“) voraus, um die Menschen zu warnen, aus dem Wege zu gehen, damit sie keinen Schaden nehmen. Er sitzt am Eingang des Hörselbergs und warnt Wanderer davor, hineinzugehen, damit sie nicht wie Ritter Tannhäuser für immer in der Anderswelt verloren gehen. Die Kirche deutete seine Rolle später so um, dass er die Menschen vor einer angeblich „tückischen Verführerin“ im Berg warnen müsse.
Die systematische Spaltung der Göttin
Im Zuge der Christianisierung vollzog die Kirche eine systematische Spaltung der Göttin. Alle gütigen, mütterlichen Attribute wurden auf Maria übertragen, die sogar Holles Titel als „Himmelskönigin“ und ihre heiligen Orte übernahm. Holles wilde, schicksalshafte und mit dem Tod verbundene Seiten wurden hingegen als „hexenhaft“ oder „teuflisch“ dämonisiert. So wurde aus der gütigen Ahnfrau die Schreckgestalt der Märchen.
Doch ihre Spuren sind überall zu finden. In Heilpflanzen wie dem Frauenmantel, dem Frauenschuh oder dem Johanniskraut lebt ihr Segen fort.
Die Verbindung zu Deinen eigenen Wurzeln zu stärken, hilft Dir, die Natur um Dich herum wieder bewusster wahrzunehmen. Das, was wir oft in der Ferne suchen, findet sich bereits direkt vor unserer Tür – in der Erde, die unsere Vorfahren als den schützenden Leib der Göttin Holle verehrten. Sie verkörpert die Kraft, die das Leben in jedem Jahr erneuert und die Fäden des Schicksals in den Händen hält.
Wenn Du achtsam durch den Kreislauf der Jahreszeiten wanderst, kannst du darin auch deinen eigenen Rhythmus wiedererkennen. In diesem beständigen Wechsel von Werden und Vergehen darfst du dich, ähnlich wie die „Heimchen“, die wohlbehüteten Seelen in Holles Reich, stets sicher und gut aufgehoben wissen.
